Visualisierungen

Mit Visualisierung oder Veranschaulichung (Sichtbarmachen) meint man im Allgemeinen, abstrakte Daten (z. B. Texte) und Zusammenhänge in eine graphische bzw. visuell erfassbare Form zu bringen.
Quelle: Wikipedia -> HIER

Als visuell orientierter Mensch liebe ich Grafiken. Grafiken helfen, sehr abstrakte Dinge greifbarer zu machen. Sie sind für Techniker ( wie mich ) ein Werkzeug, um aus Messwerten zunächst nicht unmittelbar sichtbare Vorgänge abzuleiten und zu beurteilen.

Als ich gezwungen war, mich mehr und mehr mit mir selbst und meiner „Krankheit“ auseinander zu setzen, kam mir die Idee, diese Werkzeug auch hier einzusetzen.

In der ersten ADHS-Therapie 2005 sprachen wir über die Zustände von Übererregung und dumpfer Grübelei. Von starken Stimmungsschwankungen, denen ich unterlag und die mich auffraßen. Ich fing an Tagebuch zu schreiben und die Zustände zu protokollieren, in der Hoffnung, irgendwelche Muster zu erkennen. Ich überlegte mir eine grobe zahlenmäßige Zuordnung zur Beurteilung bestimmter Zustände, auch um die Veränderungen durch die Einnahme von Ritalin zu erfassen. Nach der Therapie schlief dieser erste Versuch dann recht schnell wieder ein, die Idee geisterte mir aber weiter durch den Kopf.

Vordrucke Boegen
Bild 1: Boegen Selbstbeobachtung 2008

Nach meinem Zusammenbruch Anfang 2007 dauerte es einige Monate, bis ich eine weitere Therapie in der Schön Klinik Bad Bramstedt antreten konnte, wieder mit dem Schwerpunkt ADHS. Ich nahm die Idee der grafischen Visualisierung meiner Zustände mit, wollte mir ein Werkzeug „basteln“, das mir half mich und das was in mir vorging besser zu beurteilen.

Die Therapeuten fanden meine Idee gut, zumal auch Bögen zur Selbstbeobachtung zur Therapie gehörten. Nach einer anfänglich sehr schwierigen Phase gestalten meine Co-Therapeutin Frau W. und ich meine eigenen Bögen ( siehe Bild 1 ).

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Bild 2: Beispiel, Bogen ausgefüllt, 1.2.2008

Da ich täglich unter mehrfachen heftigen Stimmungswechseln und Anspannungszuständen zu leiden hatte, entschloss ich mich für eine Tagebuchführung anhand der gestalteten Bögen, die folgende Daten im stündlichen Abstand protokollieren sollten:

  1. Emotionale Befindlichkeit
  2. innere Anspannung
  3. Aktivitätslevel
  4. Work-Live-Balance
  5. Bewertung des gesamten Tages

Außerdem habe ich angefangen, die positiven Dinge des Tages zu notieren. Dabei ging es darum, negative Denkmuster zu vermeiden und die positiven zu verstärken. Zusätzlich bewertete ich den gesamten Tag über ein Punktesystem.

Ich richtete mir eine Datenbank mit passendem Eingabeformular ein. Über die entsprechenden Abfragen konnte ich mir die unterschiedlichen Auswertungen generieren. Konnte mir einzelne Tage anschauen, Mittelwerte über eine Woche, einen Monat usw.

Befindlichkeit_2010_2011
Bild 3: Beispiel einer Auswertung. Mittelwerte der Kalenderwochen in den Jahren 2010 und 2011. Rot: Werte der Anspannung Blau: Werte der emotionalen Befindlichkeit. Die Grafik soll hier nur als Beispiel dienen, ich werde diese noch an anderer Stelle interpretieren.

Mir ging es dabei um eine innere Distanzierung und Objektivierung ( soweit möglich ) der verschiedenen Zustände die ich zu durchlaufen und zu durchleiden hatte.
Ich führte diese Bögen und die Datenerfassung von Ende 2007 bis Anfang 2012.

Es ergaben sich die folgenden Effekte und Erkenntnisse für mich:

  • Ich hatte etwas zu tun.
  • Die Beschäftigung mit dem Thema stimulierte mich.
  • Die Aufgabe gab mir etwas Struktur für den Tag.
  • Mit der Beobachtung reifte die Erkenntnis, dass die Stimmungseinbrüche, Anspannungszustände und depressiven Phasen vorübergehender Natur sind.
  • Einbrüche führten nicht zwangsläufig zu ausgedehnten depressiven Phasen.

Mit der Zeit vertieften sich die Einsichten und die Entwicklung setzte sich fort:

  • Wichtig war die Feststellung, dass das Verhältnis von „schlechten“ Zeiträumen und „guten“ Phasen zugunsten einer positiven Bilanz ausfielen. Ich hatte vorher immer die Tendenz, einen Tag mit kurzen Einbrüchen komplett als „NEGATIV“ zu bewerten. Mir wurde klar, dass dem nicht so ist, sondern das meine subjektive Bewertung zu einer verschobenen Sichtweise führte.
  • Ganz wichtig war es, den jeweiligen Trend im Auge zu behalten. Schön zu sehen in Bild 3 oben in Bezug auf die blaue Kurve der emotionalen Befindlichkeit.
  • Mit der Borderline Therapie und den erlernten Skills bekam ich erst die hohen Anspannungszustände in den Griff, im weiteren Verlauf führten diese auch zu einer deutlichen Verminderung der Häufigkeit und der Amplituden der emotionalen Einbrüche bzw. Überreaktionen.
  • Nach überstandenen depressiven Phasen hatte ich einen Anker, einen roten Faden, den ich wieder aufnehmen konnte. Dies half mir enorm, die Relationen im richtigen Verhältnis zu sehen, ein Gesamtbild zu haben.

Anfang des Jahres 2012 habe ich dann aufgehört, die Bögen und die Selbstbeobachtung in der oben beschriebenen Form zu führen, da ich der Überzeugung war, dass mir ein Fortsetzung keine neuen Erkenntnisse bringt.

Im September 2012 fing ich dann wieder an Tagebuch zu führen und auch Grafiken zu erstellen, allerdings in geringerem Umfang. Die Protokollierung von Stundenwerten war nicht mehr nötig, da ich nicht mehr den extremen Wechseln der Vergangenheit unterlag. Jetzt wollte ich die Auswirkungen der regelmäßigen Meditationen dokumentieren. Diese finden sich in den entsprechenden Unterverzeichnisse bzw. Seiten.

Heute ( 06.04.2014 ) kann ich sagen, dass meine Bemühungen von Erfolg gekrönt wurden. Insgesamt ist dafür sicherlich das gesamte Paket aus Therapien, Verhaltensänderungen sowie aller weiterer Maßnahmen verantwortlich. Für mich war ( und ist ) die Selbstbeobachtung, Protokollierung und Visualisierung ein nachhaltiges Hilfsmittel auf meinem Weg.

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